Was Käfer, Pilze und Fledermäuse über den Wispertaunus verraten
666 Käferarten, 15 Urwaldreliktarten und einige seltene Pilze: Die laufenden Kartierungen zeigen eindrucksvoll, wie wertvoll die Wälder des Wispertaunus für die biologische Vielfalt sind. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung des Naturschutzgroßprojekts.
Wer durch den Wispertaunus wandert, sieht auf den ersten Blick vor allem eins: Bäume. Doch wie wertvoll ein Wald für die Artenvielfalt wirklich ist, zeigt sich oft erst auf den zweiten Blick – und manchmal auch erst, wenn man unter die Rinde, ins Totholz oder nachts in den Himmel schaut.
Um festzustellen, welche und wie viele Arten im Wispertaunus tatsächlich vorkommen, haben wir daher seit 2024 umfangreiche Kartierungen durchgeführt. Die Arbeitsgemeinschaft Wispertaunus war dazu im Auftrag des Naturschutzgroßprojektes Wispertaunus auf der Suche nach Vögeln, Fledermäusen, Käfern und Pilzen. Die Ergebnisse liefern wichtige Grundlagen für den zukünftigen Pflege- und Entwicklungsplan des Naturschutzgroßprojekts Wispertaunus.
Besonderheiten im Totholz
Besonders spannend sind die Ergebnisse der Käferkartierungen. Die Arbeitsgemeinschaft Wispertaunus konnte bei ihren Kartierarbeiten bislang 666 verschiedene Käferarten nachweisen. Viele dieser Arten sind auf alte Bäume, Totholz oder Baumhöhlen angewiesen. Solche Lebensräume finden sich vor allem in naturnahen Wäldern, wo alte oder tote Bäume im Wald belassen werden, statt sie abzutransportieren. Insgesamt wurden 338 sogenannte xylobionte Käferarten nachgewiesen – also Arten, die direkt von Holz oder dessen Zerfallsprodukten leben.
Besonders bemerkenswert:
- 111 der gefundenen Käferarten stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten in Deutschland
- 15 Urwaldreliktarten wurden identifiziert. Das sind hochspezialisierte Arten, die auf naturnahe, ungestörte Wälder mit einer langen, ununterbrochenen Waldgeschichte angewiesen sind.
- 7 Arten gelten als Neufunde für Hessen
- 4 Arten wurden erstmals seit dem Jahr 2000 wieder in Hessen gefunden
Solche Funde sind ein wichtiger Indikator dafür, dass in der Projektregion naturnahe Waldstrukturen und eine hohe ökologische Qualität vorherrschen, die es zu erhalten und schützen gilt, um den Fortbestand dieser Arten zu sichern.
Käferfallen im Baum
© Michael Brombacher / ZGF
Pilze als Zeugen alter Wälder
Auch die Pilzkartierungen zeigen, wie wertvoll die Wälder des Wispertaunus sind.
Wir konnten 15 sogenannte Naturnähezeiger nachweisen. Das sind Pilzarten, die besonders häufig in naturnahen, wenig gestörten Wäldern vorkommen. Darunter befinden sich sogar zwei Urwaldreliktarten.
Außerdem wurden drei Arten gefunden, für deren Erhalt Deutschland eine besondere Verantwortung trägt. Das bedeutet, das ein großer Teil ihres globalen Vorkommens in Deutschland liegt und ihr Schutz hier besonders wichtig ist:
- Amethystpfifferling (Cantharellus amethysteus)
- Graugrüner Milchling (Lactarius blennius)
- Süßlicher Milchling (Lactarius subdulcis)
Pilze übernehmen im Wald eine zentrale Rolle: Sie bauen Totholz ab, versorgen Pflanzen mit Nährstoffen und verbinden Bäume über unterirdische Netzwerke miteinander. Eine hohe Vielfalt an Pilzarten ist deshalb ein wichtiges Zeichen für einen naturnahen und gesunden Wald. Viele der nachgewiesenen Arten sind auf alte Bäume, Totholz und über lange Zeit ungestörte Waldstrukturen angewiesen – Lebensräume, die in Wirtschaftswäldern heute oft selten geworden sind.
Nächtliche Jäger im Wald
Nicht zuletzt unterstreichen die Fledermauskartierungen die besondere Bedeutung des Projektgebiets für die Artenvielfalt. Fledermäuse gelten als wichtige Indikatoren für strukturreiche und naturnahe Wälder, da viele Arten alte Bäume mit Höhlen oder Spalten als Quartiere nutzen. Gleichzeitig benötigen sie ein vielfältiges Nahrungsangebot aus Insekten sowie ungestörte Jagdlebensräume – diese finden sie vor allem in ungestörten Waldgebieten.
Die während der Kartierungen für das NGP Wispertaunus nachgewiesenen Fledermausarten zeigen, dass der Wald dort bereits heute hervorragende Voraussetzungen bietet.
Aus den Ergebnissen der Kartierungen lässt sich schlussfolgern: Die Erhaltung alter Bäume, von Totholz und einer natürlichen Waldentwicklung trägt nicht nur zum Schutz einzelner Arten bei, sondern sichert auch langfristig wichtige Lebensräume für Fledermäuse und viele weitere Waldbewohner.
Bei der Fledermauserfassung wurden die Tiere vorsichtig gefangen, genau untersucht und bestimmt, um Daten zur Fledermausverbreitung im Projektgebiet zu gewinnen.
© kalbacho-foto
Grundlage für das Herzstück des Projekts I
Die Kartierungen zeigen eindrucksvoll, dass viele Bereiche des Wispertaunus eine außergewöhnlich hohe Bedeutung für die biologische Vielfalt besitzen. Seltene Käfer, wertgebende Pilzarten, Fledermäuse und zahlreiche weitere Arten machen sichtbar, welche Naturschätze sich in den Wäldern des Projektgebiets verbergen.
Diese Erkenntnisse bilden eine zentrale Grundlage für das Herzstück des Naturschutzgroßprojekts: den Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL). Sie helfen dabei zu bewerten, welche Flächen aufgrund ihrer ökologischen Bedeutung besonders geeignet sind, langfristig der natürlichen Waldentwicklung überlassen zu werden.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse eindrucksvoll, warum diese Wälder auch für zukünftige Generationen gesichert werden müssen. Jeder nachgewiesene Käfer, jede seltene Pilzart und jede Fledermaus liefert ein weiteres Puzzleteil für das Verständnis eines Waldökosystems, das über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsen ist – und dessen biologische Vielfalt langfristigen Schutz verdient.

